Ein Kunstwerk dokumentiert sich selbst, immer und überall.

Dass man sich irgendwann im Leben überfordert fühlt, kann passieren. Bedrängende Erlebnisse häufen sich. Von Außen kommende Herausforderungen drohen über einem zusammen zu brechen. Man weiß nicht, wo zuerst anpacken. Man fühlt sich unpassender Weise entscheidungsunfähig, obwohl gerade jetzt Entschiedenheit von Nöten wäre. Gefährlicher, weil Teil von einem selbst, sind die von Innen kommenden Überforderungen. Gemäß persönlicher Veranlagung und möglicher Weise einseitig leistungsbezogener Erziehung stürzt man sich mit schöner Regelmäßigkeit einem übersteigerten Selbstwertgefühl zu Liebe in überfordernde Situationen. Dass man sich damit auf Dauer schaden kann, blendet man aus, und dass man Grenzen hat auch. Man treibt dieses dem Ego dienende Spiel so lang, bis der Organismus die Notbremse zieht. Man fühlt sich von einem Tag auf den anderen elend, müde und leer, der Welt und sich selbst nicht mehr gewachsen, wenn nicht noch Schlimmeres einem widerfährt.

Erinnerungen sind trügerisch. Selbst dass sie verloren gegangen sind, kann trügen.

Ich bin wie alle Anderen, nur eben anders (wie alle Anderen auch). Heute ist Anderssein (um jeden Preis) Mode. Da will ich nicht hintanstehen.

Die erste (und vermutlich grundlegende) Erfahrung des Erwachsenwerdens ist das Erlebnis, allein zu sein und allein einer Welt gegenüber zu stehen. Später merkt man zwar, dass man diese Erfahrung mit anderen (mehr oder weniger) teilt, aber die einmal erlebte Vereinzelung und damit einhergehende Differenz bleibt prägendes Erlebnis. Die verloren gegangene Verbundenheit der frühen Jahre schrumpft zu einer bloßen Kindheitserinnerung und wächst sich zu einer nicht enden wollenden (Lebens) Aufgabe aus.

Haben sie auch schon erkannt, wie viel sie nicht wissen, und dass sie zwar heute mehr wissen wie früher, aber längst nicht genug? Frei nach Sokrates sind sie (wie auch ich) Wissende, deren Unwissen, trotz aller Bemühungen, nach wie vor erheblich ist. Ihr (und mein) Wissen ist mehr Verheißung als Gewissheit, und eine Verheißung, die sich nie zur Gänze erfüllen wird.

Der Typ, der ins Taxi stieg, sah nicht sehr Vertrauen erweckend aus. Seine hübsche Begleiterin allerdings schon. Sie schien so gar nicht zu ihm zu passen. Ich würde ihn heute doch sicherlich umsonst fahren, sagte er mit einem gefährlichen Blitzen in den Augen. Ich kannte diesen Schläger nicht, konnte mich auch nicht erinnern, ihn schon einmal chauffiert zu haben. Wer Taxi fahren will, zahlt auch, antwortete ich unerwartet unerschrocken, und wusste sofort, dass diese Antwort alles andere als sinnvoll war. Der Typ zog denn auch genussvoll seine Knarre hervor, hielt sie mir vor die Nase und zischte, dass das keine gute Antwort sei. Ohne lang zu überlegen, eigentlich, ohne überhaupt zu überlegen, antwortete ich, dass er unter diesen Umständen besser zu Fuß gehen sollte und dass das auch seinen Kopf etwas abkühlen würde. Auch diese Antwort schien mir eher dumm, ja ausgesprochen gefährlich. In der Erwartung eines Gewaltausbruchs, wollte ich schon den Kopf einziehen, als die schöne Begleiterin ihre Hand auf den Arm des Typs legte und ihm ins Ohr hauchte, dass sie müde sei und nach Hause wolle, worauf sich seine Gesichtszüge schlagartig entspannten, er seine Knarre wegsteckte, ein dickes Geldbündel aus der Hosentasche kramte und mir wortlos einen Fünfziger hinhielt. Stimmt so, murmelte er. Die ab diesem Moment problemlose Taxifahrt kostete weniger als die Hälfte. Der Dame im Fond war ich ziemlich dankbar.

Ich habe nicht von Anfang an das getan, was ich heute meine ”Mission” nenne. Ich kann durchaus einige Versuche ins Feld führen, mir eine ehrenhafte, gutbürgerliche Existenz aufzubauen. Leider sind all diese Versuche gescheitert. Weder kann ich mit einer liebenswerten Frau punkten, noch mit adretten Kindern. Auch das gemütliche Eigenheim in guter Wohnlage blieb mir verwehrt. Warum das so ist, kann ich eigentlich nicht sagen. Es ist halt so. Statt der Erfüllung dieser allgemein menschlichen Sehnsüchte nach Nähe und Geborgenheit habe ich mühsam und auch etwas schmerzhaft, Fähigkeiten in mir entdecken müssen, die mich einerseits entfernen von dem, was allgemein üblich ist, andererseits in besonderer Weise befähigen für genau die Aufgaben, die ich gegenwärtig auszuführen habe. Man kann hier mit der Umschreibung ”Der große Unbekannte” argumentieren. Gemeint ist meine ausgeprägte Neigung und anlagemäßige Befähigung, unscheinbar zu sein, mit meiner Umgebung wie ein Chamäleon zu verschmelzen. Gerade deshalb stand und stehe ich im Fokus von Auftraggebern, die heikle, nicht auf herkömmlichem Weg zu regelnde Anliegen haben. Das Spektrum der an mich gestellten Aufgaben reicht dabei von hier nach dort, ist anspruchsvoll und bringt mich manchmal durchaus in prekäre Situationen. Gerade Letztere liebe ich, stellen sie mich doch vor die herausfordernde Notwendigkeit situativer Anpassung. Konfrontiert zu sein mit einem Nichtwissenwieweiter, Ruhe zu bewahren, und dann der zündenden Idee zu begegnen, die ohne großes Aufsehen ins Freie führt, etwas Aufregenderes gibt es für mich nicht.

Wie würden sie sich beschreiben? Was wäre Fiktion, was Wirklichkeit, und könnten sie Beides genau voneinander trennen?

Liebenswert, das heißt: freundlich, fürsorglich, verständnisvoll, nachsichtig, tolerant, zugewandt, selbstlos, aufmerksam, mitfühlend, zuversichtlich, ...? Wie soll man das werden, außer man ist es.

Vergleichsweise überzogen selbstbezogen. Redet sich ein, das sei nicht schlimm. Macht sich auch sonst viel vor. Keinesfalls aufgeschlossen. Kritikunfähig aus Prinzip. Mitmenschen und ihre Belange vornehmlich lästig. Empathie, keine. Auch wenig Geduld. Scheinbar nicht angewiesen auf Andere. Einsamkeitsfetischist. Maßgeblich nur er. Alles andere als mitteilsam. Kein Sympathieträger, aber auch kein Sympathisant (außer sich selbst gegenüber). Beziehungskiller. Bringt Frauen zum Weinen und jede gute Stimmung zum Kippen. Trifft noch den wundesten Punkt (nur nicht bei sich). Kotzbrocken. Trotzdem irgendwie interessant (worüber man sich wundert).

So mancher Baum räumt nur das Feld, weil er dem Nachbarn nicht gefällt.

Enthusiasmus wärmt und erhellt dein Leben und lässt es kalt und dunkel werden, wenn er sich nicht an Phantasie entzünden kann. Du brauchst anhaltend künstlerisch-ästhetischen Brennstoff.

Künstler werden selten geboren, Künstlerinnen auch.

Was ihn abhält (etwas zu tun)? Die Belanglosigkeit des Lebens, an der er, ohne dass er es will (oder beabsichtigen würde), mitstrikt.

RSK. Die Bäume sind verschwunden, zumindest von ihrem ursprünglichen Standort. Noch ist erkennbar, dass etwas fehlt, dass da etwas gewesen ist, dessen Nunnichtmehrsein ein ästhetisches wie atmosphärisches Loch schlägt. Die Bäume - es waren dann doch drei - haben Ort und Erscheinungsbild gewechselt. Gefällt, zersägt und in ofenbreite Scheite getrennt, lagern sie vor dem Landwirtschaftsgebäude. Drei Jahre, dann ist ihr Holz ausreichend trocken und kann Wärme spenden. Viel wird nicht bleiben, denkt er sich, ein wenig Asche, die vielleicht dem Anstaltsgarten zugute kommt. Wie bei ihm, wenn er mal nicht mehr ist. Dass er seine körperliche Hinterlassenschaft wird einäschern lassen, ist abgemacht. Nur wohin damit? Der Anstaltsgarten wird dann vermutlich nicht mehr in Frage kommen.

Das Erhellende am gewöhnlichen Leben ist meist das, was ihm fehlt.

RSK. Im hinteren Teil des Anstaltsgartens stehen zwei Bäume, die krankheitsbedingt gefällt werden müssen. Der Gärtner fragt ihn, ob er helfen könnte. Er zögert zuerst. Er hat noch nie einen Baum gefällt und zu Feuerholz verarbeitet. Doch dann sagt er zu. Ein wenig Abwechslung im Anstaltsalltag. Da wenig Platz ist, um die Bäume im Ganzen zu Fall zu bringen, steigt der Gärtner in sie hinein und trägt sie von Oben nach Unten Stück für Stück ab. Auch die Äste entfernt er sorgfältig, wobei er Stümpfe als Kletterhilfe stehenlässt. Er selbst soll die Äste zerkleinern. Der Gärtner zeigt ihm, wie man sie von Außen nach Innen, also von Dünn nach Dick, in Ofenbreite sägt, je nach Durchmesser per Hand oder mit der Motorsäge. Stammnahe, dicke Teile werden mit der Axt gespalten. Auch das bringt ihm der Gärtner bei. Nach einigen Fehlversuchen - die Axt tut nicht das, was sie soll - gelingt es ihm zunehmend besser, die Holzstücke in etwa gleich große Hälften zu trennen. Das geht so den ganzen Tag. Eine anstrengende Arbeit, die ihm aber irgendwie sympathisch ist und gut tut. Abends ist er angenehm müde. Das Essen schmeckt besser als sonst. Kaum im Bett, schläft er tief und fest.

In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen träumst du von einer Frau (auch vergangene Nacht wieder). In einer zurückliegenden Notiz hast du sie deine ’Ewige Geliebte’ genannt. Obwohl sie unterschiedliche Gesichter hat und in wechselnden Erscheinungsbildern zu dir kommt, handelt es sich immer um die gleiche Frau. Manchmal kannst du sie nur undeutlich erkennen, manchmal ist sie anwesend, ohne dass du sie sehen kannst (was nicht weniger reizvoll ist). Zu diesem dich völlig verzaubernden Wesen hast du eine zutiefst beglückende Verbindung. Eine Geliebte im landläufigen Sinn ist sie nicht. Mehr scheint sie Teil von dir zu sein, wie du Teil von ihr. Irgendwie seid ihr auf ewig vermählt, geht vorbehaltlos ineinander über und trennt euch wieder, ein Paar, das sich nicht enden wollende Liebe schenkt.

Obwohl ganztägig berufstätig gewesen, hat deine Mutter täglich für eine warme Mahlzeit gesorgt. Wenn du auch nicht von Kochkunst sprechen würdest, so war sie doch im Stand, ein gutes und gesundes Essen zuzubereiten, das dir bis auf wenige Ausnahmen geschmeckt hat. Du warst in deiner Kindheit und Jugend, selbst später noch, ein guter Esser, der große Mengen verdrücken konnte und kaum satt zu kriegen war. Auch wenn sich dein Nahrungsbedarf mittlerweile reduziert hat, die Liebe zu schmackhafter Küche, ist dir geblieben. Wie so einiges in deinem Leben hast du dir auch das Kochen beigebracht. Und du hast eine Frau kennengelernt (und lebst seit langem mit ihr zusammen), die ihrerseits ziemlich gut kochen und backen kann. Setzt man dir schlechtes Essen vor (nach Zutaten und/oder geschmacklich) beeinträchtigt das deine Stimmung erheblich. Das ist auch der Grund, weshalb du selten auswärts isst. Gute Lokalitäten - und damit sind keine Luxusrestaurants gemeint - sind Mangelware (geworden). Du lebst in einem Land, das - trotz ausgeprägter Nahrungsvielfalt - gutes Essen kaum zu schätzen weiß.

Wie bringt man festgefahrene Kreativprozesse in Fluss? Zum Beispiel mit ungewohnten und ungewöhnlichen Schritten, die möglicher Weise zusammenbringen, was sonst nicht zusammengefunden hätte.

Konsensfähig ist er nicht. Die Meinung anderer kann er vielleicht tolerieren, aber Verständnis mit Blick auf Kompromissbildung ist ihm so gut wie unmöglich. Letztendlich zählt nur seine Meinung, für sein Dafürhalten immer die richtige. Streng genommen müsste man ihn für undemokratisch halten, auch wenn er sich erklärtermaßen für einen (lupenreinen) Demokraten hält, der immer die richtige, weil die eigene, Meinung vertritt.

Wäre ich in der Lage, Opfer zu bringen, und wenn ja, welche?

Du lebst anhaltend in der widersprüchlichen Situation, mit Menschen zu tun zu haben, deren Handeln du nicht gutheißen kannst. Du bist ebenso anhaltend versucht, daraus den Schluss zu ziehen, dass es sinnvoll wäre, sich nur noch mit Menschen zu befassen, deren Handlungsweise zu billigen ist. Da bleiben allerdings nicht viele übrig.

Es nutzt dir keinen Cent, dass du es besser weißt. Es wird immer welche geben, die es auch besser wissen. Wer also besitzt die Wahrheit?

Eine dreistämmige, mächtige Kiefer im noch frischen Sonnenlicht des Tags. Selbst vereinzelte, braune Nadeln bekommen etwas Frisches. Und in den obersten Spitzen der Äste das silbrige Grün der Büschel.

Eine unangenehme, seelisch beeinträchtigende Begleiterscheinung fortschreitender Lebenszeit ist die nach und nach anwachsende Wiederholungsrate von (Sinnes) Erlebnissen aller Art, die eben gerade durch Wiederholung unweigerlich an Reiz einbüßen. Was könnte da Abhilfe schaffen? Dass man sich ab und an für eine Weile erlebnisarm verhält? Eine Art Fastenzeit der Sinne?

Lebenslust gleich Sinneslust?

Eine große, im wahren Sinn des Wortes hinreißende Liebe hast du gekannt (und kurz erfahren) in deinem bisherigen Leben, und das war die falsche, eine, die dir auf längere Sicht nie und nimmer gut getan, geschweige denn deine persönliche Weiterentwicklung befördert hätte. Du hast durch dieses anfänglich glühend-glückliche und im weiteren Verlauf ernüchternd-schmerzvolle Erlebnis eine (nicht nur die große Liebe betreffende) paradoxe Lebenslektion kennenlernen dürfen (müssen), dass das scheinbar Richtige falsch, das scheinbar Falsche richtig sein kann.

Mehr oder weniger unbewusst geht man immer davon aus, dass eine Beziehung hält, obwohl sich meist erst im Verlauf herausstellt, was sich in ihr verbirgt (wofür man maßgeblich selbst zeichnet, nicht nur der/die andere). Man ist Teilnehmender und Teilgebender in einem, zum Schlechten wie zum Guten.

Ich denke nie darüber nach, ob ein Auftrag sinnvoll, bzw. berechtigt ist. Ich führe ihn aus, reibungslos und ohne großes Aufheben. Habe ich ihn erledigt, tritt er sofort in den Hintergrund und alle mit ihm verbundenen Daten ebenso. Einige Zeit später erinnere ich mich an nichts mehr. Es ist, als ob es einen Auftrag nie gegeben hätte. Zweifel oder Gewissensbisse kenne ich nicht.

’Liebe geht durch den Magen’, heißt es so schön. Auch das ist der Weisheit letzter Schluss. Weisheit scheint überhaupt viele letzte Schlüsse zu kennen.

Mitunter gelingt es mir sogar, eine bescheidene, von meinem Körper verordnete Auszeit anzunehmen. Er tischt mir also irgendein Problem auf, das mich daran hindert, meinen gewohnten Verrichtungen nachzugehen. Bagatellerkrankung nennt man so etwas. Zum Beispiel ein harmloser Infekt, Rückenbeschwerden oder Kopfschmerzen. Das mit der Akzeptanz klappt natürlich nicht auf Anhieb. Zuerst bin ich gehörig verärgert. Was fällt ihm ein, höre ich mich schimpfen, ausgerechnet jetzt. Doch dann, der erste Zorn ist verflogen, füge ich mich ins Unvermeidliche und halte still. In der Regel dankt mir mein Körper das Einlenken. Er erholt sich schnell, manchmal schneller als erwartet. Fallweise blitzt während des körperverordneten Stillstands sogar Kreativität auf. Dann stellen sich gute, weil unvorhergesehene Ideen mit erheblichem Glückspotential ein. In diesem Fall bin ich meinem Körper besonders dankbar.

Er saß nicht weit von mir entfernt an der Hotelbar, genau wie ich ein Glas GinTonic vor sich. Das wievielte Glas? Wer weiß. Aber einige werden es gewesen sein, den sichtlich geröteten Augen und dem hochroten Kopf nach zu schließen. Demnächst würde er Schluss machen, verriet er mir, während er sein halb leeres Glas und eine Schale mit Erdnüssen nahm und zu mir rüber rutschte, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte. Nun sei es genug, murmelte er. Er habe viel gesehen in seinem Leben, genug, wenn auch nicht alles, und was vielleicht noch zu sehen wäre, würde ihn nicht mehr interessieren. Was jetzt noch käme, wüsste er. Krankheit und ein lang gezogenes Ende. Wer braucht das? Er ganz bestimmt nicht. Zwar gehe es ihm noch gut, jetzt. Aber wie lange noch?
Eigentlich war ich nicht erbaut über seine redselige wie existenzielle Offenheit, aber ich fragte ihn doch, wie er es denn anstellen wolle. Er sei Apotheker, sagte er, da hätte er keine Probleme an entsprechende Mittel ran zu kommen. Aber psst’ hielt er den Zeigefinger verschwörerisch an die Lippen. Dann setzte er das Glas an und schlürfte ungeniert den letzten Rest seines GinTonic aus, vor ihm das mittlerweile geleerte Erdnussschälchen. Während ich mich, nun doch etwas angewidert, dem Barkeeper zuwendete, um zu zahlen, stieß der Mann einen Schrei aus, griff sich ans Herz, fiel mit großem Getöse vom Barhocker und blieb reglos liegen. Der hat’s hinter sich, las ich in den Augen des Barkeepers und das war auch meine Meinung. Auf Wiederbelebungsversuche wurde also verzichtet. Aber: psst’!

Die Zukunft ist allemal verheißungsvoller als die Vergangenheit (wobei man im Hinblick auf Vergangenheit nicht wirklich von Verheißung sprechen kann). Darum lebe ich entschieden projektbezogen, auch wenn mir Projekte an sich nicht sehr am Herzen liegen.

Mein aussichtsreichstes Projekt momentan: die Wiedererlangung meiner Beweglichkeit. Man glaubt nicht, wie sehr ein steifes Kreuz einschränkt.

Stellung beziehen, eine Angelegenheit besonderer Verantwortung und immer mit besonderer Konsequenz.

Du sitzt im Zug, unterwegs nach Leipzig. Gelangweilt schaust du aus dem Fenster und siehst dem Verschwinden der trostlosen Landschaft zu, die rasch an dir vorüberzieht. Eine Erinnerung nimmt dich gefangen. Du bekommst feuchte Augen. Gleich werden Tränen über deine Backen laufen. Du siehst dich im Bett liegen an diesem Morgen, damals vor 63 Jahren. Du bist sechs Jahre alt und lebst mit Mutter, Vater und Bruder in Leipzig. Es ist Ende Juli oder Anfang August 1961. Deine Mutter tritt an dein Bett und fragt dich, ob du mit ihr und deinem Bruder verreisen willst. Was dieses Verreisen bedeutet, ist dir in diesem Moment nicht klar. Aber warum nicht, wenn dein Teddybär auch mitdarf. Während du in deine Kleider schlüpfst, packt deine Mutter hastig deinen kleinen Rucksack. Viel passt da nicht hinein. Das Nötigste. Dein sieben Jahre älterer Bruder steht bereits im Korridor und wartet. Deine Mutter folgt mit Handtasche und kleinem Handgepäck.
Warum nur musst du gerade jetzt daran denken? Weil du in einem Zug sitzt, der demnächst in Leipzig halten wird?
Ein weiteres Erinnerungsbild. Ihr sitzt im Zugabteil. Verreisen ist aufregend, aber irgendetwas an dieser Reise ist eigenartig. Dass ihr nur mit sehr schmalem Gepäck unterwegs seid, beunruhigt dich nicht weiter. Aber warum sitzt dein Bruder so still und in sich gekehrt neben dir? Warum freut er sich gar nicht? Und warum macht deine Mutter einen so angespannten, nervösen Eindruck? Der Zugschaffner betritt das Abteil und kontrolliert die Fahrkarten. Hinter ihm etliche Männer in Uniform. Einer von ihnen fragt deine Mutter, wohin sie unterwegs ist. Nach Ostberlin, antwortet sie betont selbstverständlich. Der Uniformierte verlangt den Ausweis, mustert das wenige Gepäck, schaut deine Mutter an, deinen Bruder. Na, spricht er dich freundlich an, dein Teddy darf auch verreisen? Ohne zu überlegen, antwortest du, dass dein Teddy immer mit muss. Und bevor du noch ein weiteres Wort sagen kannst, sieht dich deine Mutter streng an, was dich irgendwie verwirrt und verstummen lässt. Auch der Uniformierte scheint für eine Moment irritiert (später wirst du wissen, dass es sich um einen Offizier der DDR-Volkspolizei handelte). Doch dann gibt er deiner Mutter achselzuckend den Ausweis zurück.
Neue Erinnerung, neue Tränen. Ihr seid angekommen. Ostberlin, Bahnhof Friedrichstraße (was du zu diesem Zeitpunkt nicht weißt). Viele Menschen. Ein unglaubliches Hin und Her. Fast kein Durchkommen. Du siehst nur Arme, Beine, Koffer und Taschen. Verreisen gefällt dir jetzt nicht mehr. Aber gleichzeitig ist dir das egal, denn du willst unbedingt bei deiner Mutter und deinem Bruder sein. Bloß nicht verloren gehen. Plötzlich packt dich deine Mutter fest an der Hand. Du erschrickst. Du spürst ihre Panik, die sich auf dich überträgt. Rasch schiebt sie sich mit euch mitten ins Gedränge, dorthin, wo es am dichtesten scheint. Pfeifen, laute Befehle, Schreie. Überhaupt findest du, dass es hier sehr laut zugeht. Dann schert ihr aus. Treppe runter, Treppe rauf, jetzt ziemlich hastig, vorbei an Uniformen, die sich ins Gewühl werfen und einzelne Passanten aus dem Gedränge ziehen. Neuer Bahnsteig, neuer Zug. Deine Mutter zieht dich hinein, dein Bruder folgt, Türen zu, Abfahrt. Schnitt.
Du siehst dich und deinen Bruder in einem weitläufigen, parkähnlichen Gelände, das zu einem Kloster gehört. Ihr tollt herum, sucht euch die Zeit zu vertreiben. Zum Beispiel mit einem Gartenschlauch. Damit kann man sich herrlich vollspritzen und nicht nur sich. Die Nonnen sind davon nicht erbaut und weisen euch zurecht, vor allem weil ihr vergessen habt, das Wasser abzudrehen. Deine Mutter ist die meiste Zeit unterwegs auf irgendwelchen Ämtern, wie sie euch erzählt. Du weißt jetzt, dass ihr in Westberlin seid, dass ihr Aufnahme in diesem Kloster gefunden habt, einem Auffanglager für DDR-Flüchtlinge. Deine Mutter erklärt dir, dass ihr auf Papiere wartet und dann nach Westdeutschland gehen werdet. Was das genau bedeutet, ist dir nicht klar. An deinen Vater, den ihr zurückgelassen habt, denkst du nicht. Zu vermissen scheinst du ihn nicht.
Und noch ein Bild. Ihr besteigt ein Flugzeug. Du fliegst zum ersten Mal. Ihr fliegt nach Frankfurt am Main. Ob das schön und aufregend war, weißt du nicht. Du erinnerst dich nicht. Aber es gibt ein Foto (von dem du nicht weißt, wer es geschossen hat). Du hast es von deiner Mutter. Es zeigt Passagiere, die eben ein Flugzeug verlassen, zuvorderst am rechten, unteren Bildrand, fast schon aus dem Bild tretend, du selbst, hinter dir, noch auf der Treppe, dein schmaler, fast schmächtiger Bruder, weiter oben deine Mutter. Ihr schaut erschöpft aus. Auf dieser Fotografie scheinst du irgendwie anders zu sein, kein Kind mehr, oder besser gesagt, ein in sich zurückgezogenes Kind.
Jahre später, fast ebenso plötzlich, wird dieses Kind erwachsen sein, rebellisch, selbstbewusst (noch ohne Grund), mit einem klugen Kopf (der ihm wenig nützen wird). Es wird lernen, seiner Mutter dankbar zu sein. Es wird erkennen, dass sie es vor einem totalitären Gesellschaftssystem bewahrt hat.
Und wieder Tränen. Gibt es noch mehr Erinnerungen, noch eindringlichere? Du musst sie in dir vergraben haben (vielleicht aus gutem Grund) und du weißt nicht genau, ob du wirklich wissen willst wo.

Das eigene Gesicht ist das gesehene Gesicht, das von anderen gesehene. Ich selbst kann es nicht sehen, außer ich schaue in einen Spiegel oder in eine spiegelnde Oberfläche. Was mich zweifelsfrei identifiziert und darum von anderen unterscheidet, mein Gesicht, ist für mich selbst ohne äußeres Hilfsmittel unsichtbar. Ohne zu wissen, was genau eigentlich gemeint ist, spreche ich von meinem Gesicht, als ob es sich um das Selbstverständlichste der Welt handeln würde. Ich und mein Gesicht sind eins, ohne dass sie sich von Angesicht zu Angesicht kennen.

Mein Gott, was mach’ ich heute wieder für einen Eindruck, einen guten ganz bestimmt nicht. Was hat mich so runtergezogen? Dabei hat der Tag gut angefangen. Beim Aufstehen war noch Alles in Ordnung. Erst als ich im Bad vor dem Spiegel stand, kam die Ernüchterung. Wer ist auf die idiotische Idee gekommen, über Waschbecken Spiegel anzubringen?

Ich stelle mir lieber nicht vor, was Hände im Lauf eines Tages so alles tun (was meine eigenen anbetrifft, bin ich bestens informiert), ohne gewaschen zu werden. Ein unvoreingenommenes Händeschütteln ist da eigentlich nicht drin. Auch vom französischen Brauch, Küsschen auf Wangen zu platzieren, wenn auch noch so flüchtige, ist abzuraten. Man bevorzuge andere, weniger körperbetonte Gesten, um Verbindlichkeit und anderes zu signalisieren. Aber welche könnten das sein?

Seit du existierst, dringst du ein. Welt und Mensch sind Leidtragende deiner Eindringlichkeit. Du bist der Eindringling par Exzellenz. Die Spuren, die du dabei hinterlässt, interessieren dich einen Dreck.

Wessen wir (vermutlich) am meisten bedürfen, ohne dass wir uns dessen ganz bewusst sind, ist liebevolle und durchaus lustvolle Berührung. Wir sind auf (Körper)Kontakt getrimmt.

Natürlich muss ich damit rechnen, unterwegs Menschen zu begegnen. Soweit möglich, vermeide ich dies. Es geht dabei immer um die Augen, um Blicke. Menschen, die sich einmal in die Augen gesehen haben, erkennen sich unter normalen Umständen relativ leicht wieder. Darum ist für mich das oberste Gebot: Blickkontakt vermeiden! Blicke dürfen sich nicht kreuzen. Wenn zum Beispiel die Zugbegleiterin meine Fahrkarte kontrolliert (was ich ihr ja nicht verwehren kann), schaue ich sie auf keinen Fall an. Auch kommen gegenüberliegende Sitzplätze nicht in Frage, da kann der Zug noch so voll sein.
Kopfbedeckungen sind in dieser Hinsicht sehr hilfreich. Sie beschatten den oberen Teil des Gesichts, den erkennungsspezifisch wesentlichen. Ich nenne ein ganzes Arsenal unterschiedlicher Hüte und Kappen mein eigen. Je nach Auftrag habe ich immer einige im Gepäck, die ich wechselweise zum Einsatz bringen kann, je nach Situation. Ich trage grundsätzlich - und das leuchtet ein - unauffällige Exemplare, je unauffälliger, desto besser. Wie überhaupt mein Äußeres dergestalt beschaffen ist, mich kaum von meiner Umgebung abzuheben. Grau ist die Farbe der Wahl, außen wie innen. Gelingt es mir ganz und gar grau zu sein, der Natürlichkeit halber mit dezenten, farbigen Abstufungen, bin ich quasi unsichtbar.

Ach ja, die menschlichen Eigenschaften, Anlagen genannt, vielleicht auch Charaktermerkmale (aber auf keinen Fall Angewohnheiten). Jeder Mensch hat welche, gute wie schlechte, sich so oder so auswirkende, und immer verbunden mit der Frage, wie mit ihnen umgehen. Und dann noch die besonderen Eigenschaften, die vermutlich besonders genannt werden wegen ihres seltenen Vorkommens. Umgangsweise? Möglichst wohlwollend, gleichwohl prüfend.

Zusammensein kann mehr oder weniger fruchtbar sein. Das hängt von der jeweiligen Anziehungskraft ab und ob sich diese immer wieder erneuern kann zu anregender Nähe hin. Je länger das Zusammensein, je größer der Erkennungsgrad, desto schwerer fällt es, diesen Erneuerungsprozess aufrecht zu erhalten.

Die Erfüllung meiner Aufträge führt mich regelmäßig in verschiedene (Groß)Städte. Ich habe diese möglichst unauffällig aufzusuchen, unverzüglich die mir gestellte Aufgabe zu erledigen und zu verschwinden, als ob es mich nie gegeben hätte. So war und ist das vereinbart. Mittlerweile allerdings muss ich auftragsbedingt häufig dieselben Orte aufsuchen, was mir gar nicht recht ist, weil ich Gefahr laufe, erkannt und damit enttarnt zu werden. Neulich begrüßte mich ein Portier mit den Worten: Schön, sie wieder bei uns zu sehen. So etwas darf nicht passieren, kann nicht im Sinn meiner Auftraggeber sein und in meinem erst recht nicht. Ich überlege ernsthaft, ob ich mich aus dem Geschäft zurückziehen soll.

Warum aus seinen Talenten nicht etwas machen? Zum Beispiel aus angeborener Klugheit. Sie braucht nur ein entsprechendes Betätigungsfeld, Themen, an und mit denen sie sich entfalten und weiterentwickeln kann. Insbesondere Neugier wäre schön. Klugheit, die nicht neugierig ist auf Welt und Mensch, verkümmert. Man sollte nicht sagen müssen: man hätte keine Ahnung (auch wenn das angesichts der Fülle mitunter unvermeidlich ist). Das wäre ein trauriger Befund.

Auch wenn du während deiner Exkursionen die meiste Zeit in irgendeinem Fortbewegungsmittel sitzt, erschöpfen sie dich. Nach Hause zurückgekehrt, fühlst du dich wie benommen, als ob du immer noch fortbewegt würdest. Ein leichtes Schwingen befällt deinen Körper und kann momentweise in Schwindel übergehen.

Sind sie schon einmal einem alternden Killer begegnet? Seine Augen können die unzähligen Morde nicht mehr verbergen, auch den Alkohol nicht, den er braucht, um zu funktionieren. Seine Hände beginnen zu zittern und sein zerschossenes Herz fürchtet sich vor jedem neuen Auftrag.