Nov 2021

Meist werden Menschen aus irrationalen Gründen diskriminiert, aber auch logisch-rationale Gründe können Anlass für Diskriminierung sein (die dann umso unangreifbarer sind).

Mit einer gesunden Portion Anpassungsvermögen kommt man leichter durchs Leben. Irgendwann aber werden Anpassungsgründe unwichtig. Sie lösen sich auf in Schall und Rauch und nichts anderes bleibt von ihnen übrig als die unangenehme Erinnerung an ihre vermeintliche Notwendigkeit von einst.

Ein Leben ohne Anpassung ist keins, ein Leben unter und mit Anpassung auch nicht.

Jede Gesellschaft spiegelt den Grad der Anpassungsfähigkeit der in ihr lebenden Menschen wider.

Verdorbene Verhältnisse sind Resultat verdorbenen Verhaltens.

Die Lebenspartitur, eine rhythmische Melodie, die ständig um harmonische Akkorde ringt.

Auch wenn ich irre, bin ich. Im übrigen ist der Irrtum ein nachgeordnetes Phänomen. Man ist also immer erst hinterher schlauer und ob man vor dem nächsten Irrtum noch schlau ist, weiß der Himmel.

Lange Zeit war er vergeblich damit beschäftigt, einen hinreichenden Lebensgrund zu finden, bis er ihn am Ende im Ende fand. Doch das erfuhr niemand mehr.

Ja, ja, sagt Teiresias, der Mensch wäre gut beraten, sein Tun und Lassen mehr vom Ende her zu bestimmen.

Es ist ganz einfach, meint Teiresias, die Aussicht auf Profit lässt Menschen zu vielem bereit sein, manchmal zu allem.

Wenn es denn unbedingt sein muss, profitiert man am besten von den Göttern, aber so, dass sie es nicht so recht mitbekommen. Sie haben eine Abneigung gegen Profit und Profiteure mögen sie schon gar nicht.

Da ist einer, dessen Herkunft ist dunkel. Seine Geburtsurkunde ist ohne Datum und Ort. Der Name des Vaters fehlt und ist unauffindbar und auch seine Abstammungsfamilie taucht in den einschlägigen Registern nicht auf. Nur die Mutter ist amtlich vermerkt, als Verstorbene.

Wir stammen nicht ab, klärt mich Teiresias auf, wir sind (irgendwo) hineingeboren, willentlich oder nicht, und dann müssen wir schauen, wie wir klar kommen.

Ich lebe ein wenig hinter dem Mond, nicht allzu nah der Sonne, ihr aber auch nicht allzu fern.

Schneeluft, Schneelicht, Schneehimmel.

Der Gedanke, dass sich Gesundheit und Krankheit dem Zufall verdanken, nur bedingt eigenem (Fehl)Verhalten zuzuordnen sind.

Die Macht des Verbrauchers, von der er nur wenig zu wissen scheint, ansonsten er sein Verbrauchsgebaren längst geändert hätte. Heute müsste das Motto lauten: möglichst wenig hinterlassen, was nicht unbedingt Konsumverzicht bedeutet.

Teiresias ist verrückt nach Lebkuchen. Natürlich mag er nur die besonders Leckeren, die, die kein Mehl enthalten, sondern ausschließlich aus Nüssen, Trockenfrüchten und erlesenen Gewürzen bestehen, ohne Schokoladenüberzug und ohne Zuckerguss. Er meint, so ein Lebkuchen sei ein überaus praktischer Genuss für den kleinen Hunger zwischendurch, oder davor, oder danach. Diese Form der Entbehrung scheint bei ihm sehr ausgeprägt zu sein. Mein Lebkuchenvorrat, der eigentlich bis Weihnachten reichen sollte, schwindet dahin.

Konsum war selten so bedeutungsvoll und zugleich widersinnig wie heute.

(vermutlich Lebkuchen) Kauend meint Teiresias: wird man alt, verliert man nach und nach (die) Zukunft aus den Augen. Die Vergangenheit schiebt sich dann fast automatisch in den Vordergrund. Erstrebenswert wäre, (die) Vergangenheit im Licht der Zukunft und zugleich Zukunft im Spiegel der Vergangenheit zu betrachten. Eine Herausforderung, ich weiß, aber vermutlich das Rezept anhaltender, nicht mit Jugend zu verwechselnder Jugendlichkeit.

Es wäre längst an der Zeit, Schluss zu machen mit der Illusion einer völlig wertfreien (empirischen) Wissenschaft.

In demokratischen Zusammenhängen - und manchmal könnte man sagen zum Glück - findet politisches Handeln selten zu konsequenten Entscheidungen, weil es (berechtigt oder unberechtigt) widerstreitende Interessen gibt. Aber wenn es dann wirklich mal auf Konsequenz ankommt …

Der Mensch handelt meist inkonsequent, das läge in seiner Natur, was ihn manchmal sogar sympathisch sein lässt, sogar auf politischer Ebene, meint Teiresias.

Diktatorische Bestrebungen zielen auf (wenn auch letztlich vergebliche) mehr oder weniger offensichtliche Kontrolle menschlichen Verhaltens.

Wer das Leben kontrollieren will, muss den Tod abschaffen, worüber sich Hades freuen würde, ist er es doch leid mit den ganzen Verrückten dort unten, sagt Teiresias.

Denken verpflichtet, aber diese Verpflichtung verpflichtet zu nichts und selbst bei gutem Willen wird man ihr nicht gerecht.

Die größte Gefahr für seine eigene körperliche wie geistige Unversehrtheit und damit für die von ihm für sich selbst eingeforderte Würde ist der Mensch.

Jeder Bürgerprotest kann ideologisch missbraucht werden. Das spricht nicht gegen ihn, sondern gegen jegliche Form von Ideologisierung.

Wer dem Alleinsein nicht die Hand reichen kann, erstickt in den Armen der Geselligkeit.

Letzte Nacht war ich auf der Via Appia unterwegs. Am Rand der ansonsten menschenleeren Straße hatte jemand sein Auto geparkt. Nicht weit entfernt auf einem kleinen Hügel stand dieser jemand zwischen einigen Pinien und winkte mir zu. Dann rief er lauthals, er sei nicht Stiller, worauf ich wie aus der Pistole geschossen zurückrief, natürlich bist du nicht Stiller, du bist doch Max Frisch. Er lachte, kam den Hügel hinab und gab mir zu verstehen, ich solle zu ihm ins Auto steigen. Wir fuhren zu einer nahe gelegenen Taverne, wo er mich zu Brot und Wein einlud. Er bot mir auch von seinem Pfeifentabak an. Und während wir genüßlich unsere Pfeifen rauchten, unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Zum Abschied klopfte er mir herzlich auf die Schulter und meinte, man müsse den Mensch dingfest machen, zumindest für eine Weile, um den Dingen (und damit ihm) Luft zu verschaffen.

Vielleicht ist der Homo consumens revolutionärer als gedacht (entweder durch weitreichenden Verzicht oder durch Maßlosigkeit).

Schätzt man nicht vor allem diejenigen, die einem nicht so leicht etwas krumm nehmen (und schon gar nicht zum Vorwurf machen), die liebevoll zu einem stehen und aufrichtig signalisieren: es ist okay, dass du du bist?

An Selbstbestimmtheit schrammt man vorbei, oder man lebt sie und macht hoffentlich nur wieder gut zu machende Fehler.

Ich gehe von Gewissheiten aus, die sich unversehens als ungewiss herausstellen können. Ich handle zwar möglichst überlegt (und ich muss handeln, wenn ich leben will), doch ohne genau zu wissen, was mein Handeln in allen Details je bewirkt.

Ein Wachstumsbegriff, sofern er sich nicht auf die Entwicklungsgeschichte heranwachsender Wesen bezieht, ist missverständlich.

Eintauchen ins Meer der Worte. Textschwimmen im Auf und Ab der Formulierungen.

Wir hatten damals keine Bücher, jedenfalls nicht solche wie ihr, meldet sich Teiresias zu Wort, aber wir hatten Rhapsoden, die uns mit ihrer singend-rhythmischen Stimme des Abends alles erzählten, was ihr heute rund um die Uhr in Text- und sogar Bildform vor Augen haben könnt.

Wachstum ist Quantität und Qualität in einem.

Auf dem Höhepunkt ihrer Lust fielen sie in eins entzwei.

Wer liebt, liebt auch die Lust, und die Lust liebt ihn, solange er sie lieben kann.

Es gibt revolutionäre Schöpfungen, selten aber schöpferische Revolutionen.

Wer nicht an Götter glaubt, aber kein Atheist ist, meint Teiresias, der ist der Wahrheit ziemlich nah, wenn auch etwas isoliert von seinen Mitmenschen.

Ich ziele unaufhörlich ins Schwarze. Manchmal treffe ich, manchmal nicht.

Das ewige Leben sei weiß Gott kein Zuckerschlecken, höre ich Teiresias hinter meinem Rücken flüstern. Das habe ihm Athene gesteckt, letzte Nacht.

Ich selbst hatte letzte Nacht Besuch von Gauguin. Er klingelte mich ungestüm aus dem Bett, schüttelte mir überschwänglich die Hand, als ob er etwas von mir erwartete. Zum Glück hatte ich Pastis im Haus und Eiswürfel im Kühlfach. Wir schlürften genussvoll unseren Aperitif und unterhielten uns dabei über Malerei, speziell über Farb-Formprobleme. Van Gogh, meinte er, hätte die Farbe wie Knetmasse behandelt, zum Grausen. Und überhaupt, wir könnten ja - mit „wir“ meinte er anscheinend mich und die gegenwärtige Kreativgeneration - heute tun und lassen, was wir wollten. Davon hätte er nur träumen können, damals, obwohl er sich malerisch auch so einiges geleistet hätte. Und während er, ganz der geübte Trinker, einen letzten Pastis hastig hinunterkippte (die Flasche war jetzt leer), meinte er noch: in der Malerei wäre Lassen besser als Tun, aber man käme halt ums Tun nicht herum. Dann kein überschwängliches Händeschütteln, aber eine etwas trunkene Umarmung und fort war er.

Mitunter geht Sinn auf Kosten der Sinne.

Was bleibt, ist die kulturelle Bühne, auf der sich die expressiven Errungenschaften der Zeit(en) treffen, um miteinander zu korrespondieren.

Unabhängig vom politischen System ist Besitz immer der Besitz der anderen, den man so nicht hat, aber gerne auch hätte, legitimer Weise.

Hätte mir vor Jahren jemand verraten, was künstlerische Arbeit ist, ich hätte es mir nicht vorzustellen vermocht (also nicht verstanden) und schon gar nicht geglaubt.

Wer nicht einschläft, kann auch nicht aufwachen. Wer nicht (mehr) aufwacht, ist zum (aller)letzten Mal eingeschlafen.

Hatte er nicht immer das Besondere im Blick? Musste nicht immer alles anders gemacht werden, als die Allgemeinheit es machte? Hatte er nicht heute noch den Drang, selbst Bewährtes außer Acht zu lassen, nur um der schmalen Aussicht willen, etwas anders tun zu können?

Fortschritt reicht soweit, wie die Grenzen, die ihm gesetzt werden, es erlauben. Fortschritt ohne Grenzen ist kein Fortschritt.

Angenommen, dein Leben dauerte nur eine Nacht. Was würdest du in dieser Nacht anstellen?

Klug wäre eine Art Widerstand, bei der niemand auf die Idee käme, es könnte sich um so etwas wie Widerstand handeln.

Teiresias ist der Meinung, dass niemand sich das Leben leichter macht, wenn er eine eigene Meinung hat, und es sich darüberhinaus erschwert, wenn er seiner Meinung treu bleibt. Beides spräche aber nicht gegen eine eigene Meinung.

Übrigens, sagt Teiresias, auf lange Sicht ist es besser, sich von der herrschenden Meinung fern zu halten.

Seit ich keine eigene Meinung mehr habe, ecke ich auch nirgends mehr an. Die Zeit der blauen Flecken ist vorbei. Es geht mir richtig gut.

Müde bin ich. Diese ewigen Diskussionen angesichts scheinbar neuer Fakten zermürben mich. Was sollen die vielen Erkenntnisse, die in Wirklichkeit keine sind. Mein Toleranzpotential ist erschöpft. Abends sitze ich auf dem Sofa und mein Kopf ist übervoll. Leerfegen täte gut, aber dazu fehlt mir die Kraft.

Der zufriedene Mensch macht in der Regel keine Dummheiten, meint Teiresias.

”Nicht nur Geschichten erzählt man über mich, auch einen Song hat man mir gewidmet”, verrät mir Teiresias, während ich noch ziemlich verschlafen und morgenübellaunig am Frühstückstisch sitze. ”Hör dir das an”, und er beginnt den Refrain von ”The Cinema Show” der Rockband Genesis zu singen, fehlerfrei übrigens, wenn auch mit einer etwas brüchigen Stimme.
”Take a little trip back with father Tiresias,
Listen to the old one speak of all he has lived through.
I have crossed between the poles, for me there's no mystery.
Once a man, like the sea I raged,
Once a woman, like the earth I gave.
But there is in fact more earth than sea.”
”Ist das nicht großartig, ganz einfach formuliert und alles drin, und du hast Glück, dass ich bei dir zu Gast bin. Da kannst du dir die Reise in die Vergangenheit sparen.”

Wo Überfluss, da Mangel, wo Wachstum, da Verfall.

Traum. Die Stadt meiner Kindheit und Jugend. Eine einzige große Baustelle. Man hat den Marktplatz aufgerissen. Der darunter befindliche, später zur Tiefgarage umfunktionierte Atombunker wird abgetragen. Dazwischen Restaurateure, die damit beschäftigt sind, die zum Vorschein kommenden Fresken wiederherzustellen. Nicht weit davon entfernt der Dom, abgetragen bis auf den Altarraum und die darunter befindliche Krypta. Er wird nun im alten Stil, gemäß der Wahrheit, neu errichtet. In den baustelligen Straßenzügen überall Menschen, die, ohne von den bahnbrechenden Baumaßnahmen Notiz zu nehmen, zwischen Geröll und Gerüst eilig ihre Einkäufe erledigen. Wie grandios wäre es doch, denke ich mir, die Bauarbeiten genau jetzt einzustellen und alles so zu belassen, wie es augenblicklich ist. Das hätte etwas ungeheuer Feierliches: Ewigkeitsbaustellen, mitten in der Stadt.

Misstraut der Mensch dem Gedanken an ein wie auch immer geartetes göttliches Möglichsein, ist er auf sich allein gestellt; ist er auf sich allein gestellt, kann er gar nicht anders, als dem Gedanken an ein göttliches Möglichsein zu misstrauen.

An Besitz hängt er nicht. Es würde ihm nichts ausmachen, im Hotel zu wohnen, vorausgesetzt, er hätte das Geld dazu. Eine kleine Suite, etwas abseits im Haus, das wär’s. Um die Belange des täglichen Bedarfs müsste er sich nicht kümmern. Alle Zeit der Welt hätte er für sich und wüsste nichts anzufangen mit ihr und mit sich selbst.

Progressivität pocht auf Veränderung, Konservatismus auf Erhalt. Dazwischen wird gelebt.

Man kann gar nicht anders als fortzuschreiten. Selbst auf der Stelle bewegt man sich fort. Durchaus der Überlegung wert, ob das als Fortschritt gelten kann.

Ich schaue dem verhaltenen Regen zu, der über die sich trübenden Farben des Herbstes hinweg tröpfelt. Ich denke mir, Buntheit wäre jetzt völlig unpassend, und spüre eine ungeahnte koloristische Entspannung.

Die Tagesangelegenheiten können durchaus Lernmittel des Geistes sein, sagt Teiresias, ebenso gut aber auch vergeudete Zeit.